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Dieter Hecking über den VfL, seine Zeit als Polizist, Facebook und seine Führerscheinprüfung


Dieter Hecking

Nach zwei Monaten beim VfL: Wie haben Sie sich in Wolfsburg eingelebt?
Als Fußball-Trainer ist man immer in Action, fast ununterbrochen im Büro oder auf dem Platz. Außer einige Lokale, in denen ich gern zum Essen gehe, habe ich von der Stadt leider bisher nicht viel kennengelernt. Deshalb kann von Einleben noch keine Rede sein.

Waren Sie schon im Werk?
Zweimal durfte ich dort unseren Aufsichtsratsvorsitzenden Herrn Garcia Sanz besuchen. Auf dem Weg zu ihm habe ich zumindest einen kleinen Eindruck bekommen, wie groß das Werk ist, wie viele Volkswagen dort produziert werden und auch unterwegs sind.

Sie sind gelernter Polizeibeamter. Würden wir Ihnen im Sonderfahrzeugbau von Volkswagen eher mit einem Blick in einen Streifenwagen oder in ein Zivilfahrzeug eine Freude bereiten?
Dann würde ich das Zivilfahrzeug bevorzugen, obwohl mich meine Polizei-Laufbahn wohl eher in einen Streifenwagen geführt hätte. Ich war drei Jahre sehr gerne Polizist, bevor ich meinen ersten Profivertrag bei Borussia Mönchengladbach unterschrieben habe. Anschließend habe ich noch eine kaufmännische Ausbildung absolviert, Sportmanagement studiert und meine Trainerscheine gemacht. Sie sehen, mein Spektrum ist viel breiter, auch wenn ich den Polizei-Beruf sehr zu schätzen gelernt habe.



 

Ist vom kriminalistischen Spürsinn des früheren Polizeihauptmeisters Hecking etwas geblieben?
Zumindest lese und schaue ich leidenschaftlich gern Krimis, zum Beispiel Kommissarin Lund, Henning Mankells Wallander oder von Adler-Olsen. Da spielt meine Vergangenheit bestimmt mit rein. Leider komme ich nicht sehr häufig dazu, sonntagsabends den Tatort zu gucken, weil wir da oft noch mit der Familie unterwegs sind. Und manchmal schlafe ich vor dem Fernseher ein. Meine Frau sagt dann immer, ich hätte sie mit den Verbrechern wieder allein gelassen (lacht).


 

Was haben Frau und Kinder gesagt, als Sie Ihnen erzählten, aus Nürnberg nach Wolfsburg wechseln zu können?
Alle waren sehr angetan, auch wenn die Familie bei Weitem nicht die Triebfeder für den Wechsel war. Denn von meinen fünf Kindern wohnen drei schon nicht mehr zu Hause in Bad Nenndorf.

Was hat dann den Ausschlag gegeben?
Bei meinem vorherigen Klub 1. FC Nürnberg hatte ich meine bisher schönste Zeit als Trainer. Wenn man so etwas aufgibt, muss alles passen. Nach dem Gespräch mit VfL-Manager Klaus Allofs hatte ich das Gefühl, dass wirklich alles passt. Klaus hat mir sehr deutlich gemacht, warum er mich haben möchte. Dass ich jetzt näher an meiner Familie arbeite, ist ein positiver Nebeneffekt. Früher haben wir uns in der Woche für vielleicht fünf, sechs Stunden gesehen, samstagsabends nach den Spielen und sonntags nach dem Training, bis die Familie am Nachmittag wieder nach Hause gefahren ist. Das ist jetzt anders.

Bei Volkswagen gibt es eine klare Vision: Bis 2018 wollen wir nicht nur der größte, sondern auch der verantwortungsvollste, innovativste und profitabelste Automobilhersteller der Welt sein. Wie sieht Ihre Vision für den VfL Wolfsburg aus?
Vor allem möchten wir Konstanz in den Verein bringen. Hier ist in den vergangenen Jahren viel probiert worden. Zwei Jahre ist es sehr gut gelaufen, sogar bis hin zur Meisterschaft. Das war es dann aber auch. Es gab viel Mittelmaß und Abstiegskampf. Das darf man nicht vergessen. Außerdem wollen wir es schaffen, den VfL sympathischer rüberzubringen. Viele Berichte über diesen tollen, vor allem auch sozial stark engagierten Klub fangen mit Zahlen an. Der Spieler X verdient Summe Y und hat die Summe Z an Ablöse gekostet – davon wollen wir weg. Mit sportlichem Erfolg wird auch das einfacher.

Was würde Frau Hecking sagen, würden wir sie fragen, wie Herr Hecking Auto fährt?
Sie schläft während der Fahrten, was ich als gutes Zeichen werte. Ich bin Vielfahrer und fahre leidenschaftlich gern Auto. Im Auto kommen mir immer die besten Ideen.

War die Führerschein-Prüfung ein Klacks?
Überhaupt nicht! Meine Anfänge als Autofahrer waren grauenhaft. Meinen Führerschein habe ich auf der Polizeischule gemacht. Ich war in einem Bully unterwegs – und der war damals viel zu groß für mich. Oft wäre ich fast in den Gegenverkehr gefahren. Ich musste mich richtig anstrengen, den Führerschein zu bekommen.


 

„Sehr seriös erfolgreiche Aufbauarbeit geleistet“

Sie haben es schon angedeutet: Bundesliga-Trainer ist nahezu ein 24-Stunden-Job und auch sehr stressig. Wie schalten Sie ab?
Der Job ist stressig, da haben Sie Recht. Ich empfinde den Stress aber als positiv, denn ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Das ist ein Privileg, das weiß ich. Um abzuschalten, jogge ich gern, was zurzeit aber aufgrund einer Knie-Operation leider nicht möglich ist. Abschalten kann ich außerdem gut in der Sauna, auf dem Golfplatz und mit meiner Familie.

Seit fast genau 30 Jahren sind Sie als Spieler und Trainer im Profi-Fußball tätig. Ist Ihnen in dieser Zeit jemand zum Vorbild geworden?
Meine Trainer waren zum Beispiel Jörg Berger, Lorenz-Günther Köstner und Jupp Heynckes. Ich habe von allen etwas mitgenommen. Letztlich aber muss ein Trainer seinen eigenen Weg finden und vor allem authentisch sein. Einen Stil zu kopieren, das funktioniert nicht.


 

Wenn Sie Ihre Zeit als Spieler mit der heutigen Generation vergleichen: Was sind die größten Unterschiede?
Die Spieler genießen heute durch die Nachwuchsleistungszentren eine viel intensivere Ausbildung. Sie müssen aber damit leben, dass vieles von ihnen öffentlich wird. Wir konnten noch in die Disko gehen, ohne dass es gleich die ganze Stadt wusste. Heute werden gleich Fotos der Spieler auf Facebook hochgeladen. Ich bedaure das nicht. Es zeigt vielmehr, dass man mit der Zeit gehen muss. Mir hilft dabei, dass ich fünf Kinder habe. Da bin ich immer auf dem Laufenden. Allerdings kommt es für mich zum Beispiel nicht infrage, auf Facebook zu gehen. Da wäre ich nicht authentisch.

Sie haben früher auch bei Eintracht Braunschweig gespielt. Wie würden Sie den Aufstieg des Wolfsburger Nachbarn in die erste Bundesliga bewerten?
Konkurrenz belebt das Geschäft. Mit uns, Hannover und Braunschweig drei niedersächsische Vereine in der ersten Bundesliga zu haben, wäre klasse und für jeden dieser Klubs ein Gewinn. Und – Sie haben es angesprochen – ich kenne Eintracht Braunschweig und die Fußball-Begeisterung, die dort herrscht, aus eigenem Erleben. Trainer Torsten Lieberknecht, Manager Marc Arnold und das Präsidium um Sebastian Ebel haben sehr seriös erfolgreiche Aufbauarbeit geleistet. Respekt!

Das Interview führten Constantin May und Marc Rotermund.

INFO

Dieter Hecking wurde am 12. September 1964 in Castrop-Rauxel geboren. Heute lebt er mit seiner Familie in Bad Nenndorf, knapp 35 Kilometer von Hannover entfernt. Der 48-Jährige ist verheiratet und hat fünf Kinder.
Heckings Spieler-Karriere begann bei Westfalia Soest und endete im Jahr 2000 bei Eintracht Braunschweig. Zwischendurch war er aktiv für Borussia Mönchengladbach, Hessen Kassel, Waldhof Mannheim, VfB Leipzig, TuS Paderborn/Neuhaus und Hannover 96. Der Offensivspezialist absolvierte 446 Partien im Profi-Fußball.
Seit 2001 arbeitet Hecking als Trainer. Seine erste Station war der SC Verl. Es folgten VfB Lübeck, Alemannia Aachen und Hannover 96. Anfang dieses Jahres wechselte er vom 1. FC Nürnberg zum VfL Wolfsburg. Heckings Vertrag läuft bis zum 30. Juni 2016.