Bernd Osterloh
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„Die Tarifrunde war wegweisend“

KulturwechseI bei Volkswagen / Interview mit Bernd Osterloh

Herr Osterloh, Sie sind jetzt seit gut einem halben Jahr stellvertretender Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzender. Welche Aufgaben haben Sie vorgefunden, die am dringlichsten zu lösen waren?
(Schmunzelt) Nun, wir beim Betriebsrat planen personelle Wechsel traditionell so, dass eine vernünftige Einarbeitung möglich ist. Von daher hat mir mein Vorgänger Bernd Sudholt keine Aufgaben liegen lassen, die ich dringlich hätte lösen müssen. Aber im Ernst: Eine der wichtigsten Aufgaben war das Thema Tarifrunde. Das war deshalb so wichtig, weil diese Tarifrunde wegweisend war für die zukünftige Politik des Unternehmens.

Beschäftigung langfristig gesichert

Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Ergebnis?

Das wesentliche Ergebnis ist, dass es uns gelungen ist, eine Beschäftigungssicherung für die Kolleginnen und Kollegen bis zum Jahr 2011 festzulegen. Und dass wir für die Standorte Produktzusagen bekommen haben, so dass wir jetzt sagen können: Die Beschäftigung ist dort langfristig gesichert.

Welche Produktzusagen sind das?
Wir haben die Zusage, dass am Standort Wolfsburg der kleine Geländewagen A-SUV gebaut wird. Das Werk Braunschweig fertigt die Audi-Hinterachse, Kassel das kleine DSG-Getriebe, Salzgitter auch Industrie- und Marinemotoren, Emden den Passat und Hannover den Microbus – um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Produktzusagen sind die Gegenleistung für unsere Bereitschaft zu einer Nullrunde.

Neu eingestellte Beschäftigte werden jetzt schlechter bezahlt als bisherige VW-Mitarbeiter. Fürchten Sie nicht, dass das zu Konflikten führen kann?
Sie werden anders bezahlt, nicht schlechter. Was wir ausgehandelt haben als Kompromiss, ist anders als der Haustarifvertrag, aber vergleichbar mit den Konditionen bei anderen Unternehmen. Ich denke schon, dass die Volkswagen-Kolleginnen und -Kollegen durchaus erkannt haben, dass diese Nullrunde dazu dient, Arbeit langfristig zu sichern. Denn: Man kann mit einem Unternehmen nur so lange gute Tarifverträge abschließen, wie es auch konkurrenzfähig ist.

Was halten Sie von den neuen Konzern-Leitlinien?
Sie sind meines Erachtens Ausdruck eines notwendigen Kulturwechsels bei Volkswagen. Für mich hat das ganz stark damit zu tun, dass Menschen die Verantwortung, für die sie bezahlt werden, auch übernehmen. Nehmen Sie mal meine Lieblings-Leitlinie (zitiert): „Wir geben Freiraum, fordern Freiraum und nutzen den Freiraum. Unsere Ziele sind ehrgeizig, die Planungsannahmen realistisch und die Berichte ehrlich.“ Von Managern erwarte ich einfach, dass sie dies auch ernst nehmen. Das fehlt noch an vielen Stellen in diesem Unternehmen. Da werden, um ein Beispiel zu nennen, Budgets vereinbart, von denen jeder weiß, dass es nicht funktioniert. Das ärgert mich wirklich. Wenn wir es schaffen, diese Leitlinie in unserer Kultur umsetzen, sie zu unserer Kultur zu machen, dann sind wir schon weiter.

„Manager müssen Verantwortung tragen“

Der Jahrgang 1951 wird als letzter von der Altersteilzeit profitieren können. Welche Möglichkeiten zeichnen sich ab, dass auch die nachfolgenden Jahrgänge früher als mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen können?
Darüber müssen wir uns in der Tat ernsthaft Gedanken machen. Die demografische Arbeitszeit, wie wir sie jetzt einführen und in der viele Kolleginnen und Kollegen jetzt noch ein Ärgernis sehen, wird langfristig die einzige Möglichkeit bieten, früher in den Ruhestand zu gehen als mit 63 Jahren. Hier müssen wir den Mut haben, auch vermeintlich unbequeme Entscheidungen zu treffen, von denen der eine oder andere vielleicht meint, dass er es gerne anders gehabt hätte. Ich glaube, die Kolleginnen und Kollegen erwarten von uns und wählen uns auch deshalb, dass wir für sie Entscheidungen auch unter strategischen, in die Zukunft gerichteten Gesichtspunkten treffen. Ein anderes Beispiel: Wir haben im Gegensatz zu anderen Unternehmen unsere betriebliche Altersversorgung nicht abgeschafft, wie es leider viele Unternehmen tun, sondern auf das System des Pensionsfonds umgestellt, das dem Unternehmen Vorteile bringt und für die Beschäftigten weiterhin eine zusätzliche Altersversorgung garantiert. Das ist notwendig, denn die gesetzliche Rente allein wird künftig nicht mehr ausreichen.

Wie halten Sie Kontakt zu den Kollegen, die Sie vertreten?
Ich räume ein, ich bin etwas überrascht von dem Termindruck in meinem neuen Amt als stellvertretender Vorsitzender, in dem man in viele Gremien automatisch eingebunden ist. Von daher habe ich leider nicht jeden Tag Gelegenheit, direkt mit Beschäftigten in den Hallen oder den Büros zu sprechen. Aber jeder, der mich kennt, weiß, dass ich trotzdem ein offenes Ohr für die Belegschaft habe. Und das wird auch so bleiben.

„Die Autoindustrie hat Zukunft“

Wird nach Ihrer Einschätzung die Automobilindustrie in Deutschland in zehn Jahren noch immer der wichtigste Arbeitgeber des Landes sein?
Ich würde es anders formulieren. Ich glaube, dass wir in Deutschland ohne Industriearbeit nicht überleben können. Dienstleistungen müssen schließlich von Menschen in Anspruch genommen und von diesen auch bezahlt werden. Und da wird die Autoindustrie ein wichtiger Faktor bleiben. Die Frage ist nur: Wie entwickelt sich das Umfeld? In diesem Zusammenhang ist für mich wichtig, dass die Internationalisierung der Gewerkschaftsarbeit vorangetrieben wird – so wie bei Volkswagen, aber eben nicht nur bei Volkswagen allein. Damit wir den Kollegen in Tschechien, in Polen, in Ungarn und anderen Ländern helfen, an unser Niveau heranzukommen. Und nicht umgekehrt. Dann sieht die Konkurrenzsituation schon anders aus.

Mit Bernd Osterloh sprachen Manuela Hacke und Rudolf Geyer.

ZUR PERSON
Bernd Osterloh wurde 1956 in Braunschweig geboren und lernte den Beruf des Industriekaufmanns. Zu Volkswagen kam er 1977 als Arbeiter in der Produktion im Werk Wolfsburg. 1982 wurde er zum Vertrauensmann der IG Metall gewählt. Von 1990 bis 1998 war Osterloh Leiter der Vertrauenskörperleitung der IG Metall im Werk Wolfsburg. 1990 folgte die Wahl in den Betriebsrat. Am 29. April wurde er zum Stellvertretenden Vorsitzenden des Betriebsrates Werk Wolfsburg und des Gesamtbetriebsrats der Volkswagen AG, einen Tag später zum Stellvertretenden Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats gewählt.
Privat spielt Osterloh gern mit seinem Enkel Jeff-Louis (3), und er ist bekennender Fan sowohl des VfL Wolfsburg als auch der Eintracht Braunschweig – „weil mir die Region in Gänze wichtig ist!“


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