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Wo Schrauber ihr Hobby zum Beruf gemacht haben / „autogramm“ blickt hinter die Kulissen der Bulli-Werkstatt


Der Motorenmann: Christof Kessler ist seit 21 Jahren bei Volkswagen. Früher hat der heute 48-Jährige „viel am Käfer geschraubt“. Fotos: knoth fotografie

Der T3 „spricht nicht“ mit Mario Petrusso. Der erfahrene Kfz-Mechaniker benutzt exakt diese Worte. Kollege Christof Kessler meint, den Grund für die Schweigsamkeit des Bulli-Motors zu kennen. Höchstwahrscheinlich fehle ein bestimmtes Relais, das komme bei der besagten Baureihe hin und wieder vor, mutmaßt Kessler. In einem Zeitungsbericht über die Arbeit des Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer-Teams wird Mario Petrusso mit den Worten „Wenn man 25 Jahre dabei ist, sprechen die Autos mit einem“ zitiert.

Inzwischen ist der Mann mit dem markanten Schnauzbart 26 Jahre dabei und damit einer der dienstältesten Kollegen unter den inzwischen 13 Angehörigen der Oldtimer-Abteilung. Beim letzten Besuch des Reporterteams hatte Petrusso noch geduldig einen T2-Motor zerlegt. Die Arbeit an den Motoren hat weitgehend Christof Kessler übernommen, Petrusso kümmert sich nun in erster Linie um die Versorgung mit Ersatzteilen. „Teile sind das A und O“, betont der 56-Jährige. Gängige Ersatzteile wie Spiegel und Leuchten hält Petrusso in einem kleinen Lager vor, der Rest wird über den Partner Volkswagen Classic Parts bestellt.


Liebe zum Detail: Ob Uhr oder Spiegel, jedes noch so kleine Teil wird liebevoll gepflegt.


 

Was nicht oder nicht schnell genug besorgt werden kann, wird zum Fall für Thomas Schramm. Er ist der Karosseriebauer im Team. Beim T1 sei der Blechbestand relativ gut, besser auf jeden Fall als beim T2. Kleine Bleche, wie die Spitze eines Radlaufs vorne, das Ende einer B-Säule oder einen Innenschweller, fertigt der 44-Jährige von Hand selbst an. Bis zu zwei Monate arbeitet Schramm bei einer Komplettrestaurierung an einer Karosserie. Aktuell ist es ein grüner T2, aus dem eines Tages ein Bus im Coca-Cola-Look werden soll. Daneben wartet schon das nächste Projekt, ein T2-Kasten, frisch entlackt und entrostet. Ab 2013 wird der Oldtimer nach einem Jahr Arbeit für Produkte einer Brauerei werben.

Ist die Karosserie wieder im Originalzustand, übernimmt Ralf Kujus, der Lackierer. Im Anschluss legt Werner Fälchle Hand an, der Mann für den Innenausbau. Jeder für sich ein absoluter Spezialist auf seinem Gebiet … und gleichzeitig Alleskönner. Wie Christof Kessler, der T1-Motoren in drei Stunden fein säuberlich zerlegt, dann wieder zusammensetzt und ansonsten „alles macht“, wie er sagt. Außer Lackarbeiten. Ein paar Anzugsmomente müsse er nachschlagen, das meiste habe er im Kopf, versichert 911er-Fan Kessler. Oder Henning Flemes, der neue Werkstattmeister, den es fasziniert, dass so ziemlich jeder Mensch seine ganz persönliche Geschichte zum VW-Bus erzählen kann.


Auf der Suche: Mario Petrusso forscht nach einem bestimmten Ersatzteil.


Letzter Schliff: Petrusso am 40 Jahre alten T2, dem ersten von der Oldtimer-Werkstatt im Kundenauftrag restaurierten Bulli.

Wenn ein Bulli nicht „spricht“, hat das auch einen Grund

Teil des Oldtimer-Teams zu sein, ist etwas Besonderes. Man trifft auf Männer mit „Diesel im Blut“, wie es so schön heißt, die „VW gelernt“ haben. Das Team eint die Liebe zu alten Fahrzeugen, man habe das Hobby zum Beruf machen dürfen, so hört man es immer wieder. Oder wie Mario Petrusso sagt: „Man lebt mit den Autos.“
Seit März können auch externe Kunden die Dienste der Spezialisten in Anspruch nehmen. „Im Prinzip machen wir alles, vom Ölwechsel bis zur Komplettrestaurierung für bis zu 100 000 Euro“, beschreibt Gerolf Thienel das Dienstleistungsspektrum. Und der Service der Restaurierung kommt bei den Kunden an. Die Auftragsbücher für 2012 seien voll, berichtet Technikhistoriker Thienel, Termine gäbe es erst wieder für 2013.

Am ersten in der neuen Bulli-Werkstatt restaurierten Bus werden die letzten Handgriffe ausgeführt. Man muss kein ausgewiesener Oldtimer-Kenner sein, um zu begreifen, was für ein Schmuckstück in der Halle steht. Ein T2-Camper aus dem Jahr 1972, innerhalb von sieben Monaten für eine Hotel- und Restaurantkette komplett neu aufgebaut. Außen Beigegrau und Tizianrot, die beigen Ledersitze innen greifen das Farbschema mit ihren dunkelroten Nähten wieder auf. Der Zustand heute – wohl besser als 1972, schätzen Kessler und Petrusso. „Der hält noch einmal 40 Jahre“, so ihre Prognose.
„Eigentlich“, sagt Karosseriebauer Schramm, „möchte man jedes Auto hierbehalten, mit dem man so viel Zeit so intensiv verbracht hat.“ Petrusso blickt indes auf den T2 für die Hotelkette. Nach einer kurzen Pause sagt er: „Fast schade, wenn so ein Auto vom Hof rollt.“ bb

INFO

Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer: Seit 2007 ist für die Pflege des automobilen Erbes von Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) eine eigene Abteilung zuständig: Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer. Seit März 2012 arbeiten die mittlerweile 13 Oldtimer-Spezialisten außerhalb des Werkes, in Hannover-Limmer, wo sie unter anderem die fachgerechte Reparatur und Restaurierung von VW-Bussen für externe Kunden anbieten können.


Karosseriespezialist: Thomas Schramm bei der Arbeit. Den Karosseriebauer faszinieren die Geschichten, die hinter jedem einzelnen der 87 Oldtimer der Abteilung stecken.