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Seit gut drei Jahren steht Martin Hofmann an der Spitze der Konzern IT. Der in Zürich promovierte Ingenieur kam 2001 zu Volkswagen. Er trug die Verantwortung für das Prozess- und Informationsmanagement der Konzernbeschaffung, leitet die Organisationsentwicklung und ist seit Dezember 2011 auch der Chef von weltweit 9300 IT-Experten. „autogramm“ sprach mit ihm über Sicherheit, Software und Systeme.

 

IT wird immer dann sichtbar, wenn etwas nicht läuft. Wie lebt es sich mit diesem Vorurteil?
Das ist kein Vorurteil, sondern erst mal richtig. Wir haben im Konzern mehr als 100 Werke, die laufen müssen. Und weltweit konfigurieren Kunden ihre Autos auf unseren Webseiten. Die Erwartung an IT ist deshalb klar: Sie muss hundertprozentig verfügbar sein. Daraus leitet sich eine große Verantwortung ab.

Was steckt hinter der IT am Arbeitsplatz, die man Tag für Tag nutzt?
Es fängt schon beim Hochfahren des Rechners an. Die IT-Sicherheit muss sicherstellen, dass sich nur anmelden kann, wer sich auch anmelden darf. Sicherheit steht vor allem. Sie ist das höchste Gut der IT und nicht verhandelbar. Danach müssen E-Mail-Programm und Browser schnell hochfahren. Kurze Antwortzeiten sind wichtig. IT ist für mich dann perfekt, wenn der Anwender sie nicht wahrnimmt. Das klingt einfach, erfordert aber viel.

Können Sie uns dafür bitte ein Beispiel geben?
Um die Dimensionen klarzumachen: Jedes Jahr erhält der Enterprise Helpdesk (EHD) rund 790 000 Anfragen. Das sind, die Wochenenden eingerechnet, mehr als 2100 Anfragen pro Tag. Davon können etwa 70 Prozent sofort geklärt werden – zum Beispiel, wenn am ersten Tag nach dem Werksurlaub rund 4000 Mitarbeiter ihre Passwörter vergessen haben.

IT ist im Unternehmen angekommen, wie es beim diesjährigen IT-Symposium hieß. Was bedeutet das?
IT ist kein Selbstzweck, sondern unterstützt das Geschäft und ermöglicht durch den Einsatz innovativer Technologien, neue Geschäftsfelder zu entwickeln wie zum Beispiel „Connected Car“. Dabei können wir durchaus eine Sprache sprechen, die man versteht. Als Partner entwickeln wir zusammen mit den Fachbereichen innovative Lösungen mit Mehrwert: Etwa für das Marketing, dem wir bei der Analyse seiner digitalen Kundenbeziehungen helfen.

Stichwort Auto und IT: Welche Konsequenz hat dieses Zusammenwachsen?
Moderne Autos sind längst fahrende Rechenzentren. In ihnen steckt die Leistung von gut 20 PCs. Was das Zusammenwachsen angeht, muss man unterscheiden: Innerhalb des Fahrzeugs ist IT Sache der Technischen Entwicklung. Deren Ingenieure vernetzen Sensoren und Steuergeräte, damit Fahrdaten entstehen. Wir als Konzern IT sorgen dafür, dass die Daten aus dem Fahrzeug übertragen und mit unseren Rechnern bearbeitet werden. Hochverfügbar, schnell und sicher. Das setzt natürlich voraus, dass beide Fachbereiche eng zusammenarbeiten. Beim Thema „Connected Car“ haben wir das zum ersten Mal so intensiv gemacht: Die IT hat im engen Schulterschluss die Fahrzeugentwicklung begleitet. Mit Erfolg!

Welche weiteren Trends sehen Sie?
Die IT steht vor einer neuen Herausforderung. Als klassisches Industrieunternehmen sind wir Hard- und Software mit langen Lebenszyklen gewohnt. Großrechner steuern bei uns Fabriken und das vielleicht über Jahrzehnte hinweg. Jetzt kommt Consumer IT mit Smartphones und Tablets und funktioniert ganz anders: kurze Zyklen, agile Entwicklung, neue Technik fast im Monatstakt. Die Kunden haben sich längst daran gewöhnt, laufend neue Funktionen zu bekommen, und verlangen von uns das Gleiche. Wir machen also einen Spagat: Fabriken mit Industrie-IT betreiben und kurzfristige Lösungen wie bei Consumer IT schaffen.

Ein Paradigmenwechsel?
Durchaus! Wir müssen umdenken. Das äußert sich auch in der Gestaltung: Software sollte einfach und intuitiv sein – und ständig neue Funktionen bieten. Facebook hat damit Erfolg – warum soll das nicht auch bei unseren Systemen klappen? Deshalb finde ich Apps so spannend. Die Bedienung klappt, ohne dass man ein Handbuch braucht. Das spart Zeit und Geld.

Sie fordern also ein Umdenken. Wie soll das gelingen?
Indem wir gezielt eigene IT-Kompetenzen im Unternehmen aufbauen. In München haben wir gerade das Data Lab eröffnet. Die Mitarbeiter dort haben sich unter anderem auf das schnelle Entwickeln von Prototypen spezialisiert, ganz eng am Puls der Zeit. Unter Laborbedingungen testen sie neue Technologien für die Analyse von Daten. Solche Labs wollen wir für verschiedene IT-Themen aufbauen: kleine Innovationsinseln mit Freiraum zum Probieren, was geht und was nicht geht. So konnten wir lange in unserem industriellen Umfeld mit Null-Prozent-Fehlertoleranz nicht arbeiten. Die Labs geben uns die Chance dazu.

Entspricht das Ihrem Motto „Back to tech“?
Wir haben zu lange technische Kompetenz nach außen vergeben und nur noch koordiniert. Ich will das ändern. Die Fachkarriere mit Programmierkenntnissen, Wissen um Datenbanken und Web-Technologien muss genauso anerkannt sein wie die Management-Laufbahn. Wir brauchen Mitarbeiter mit Benzin im Blut und Fingern auf der Tastatur! Diese Leidenschaft fängt übrigens schon bei den Kleinsten an. Wir diskutieren mit Schulen gerade ein Konzept namens „Coding Camps für Kinder“. Dabei geht es darum, Kinder spielerisch ans Programmieren heranzuführen und für Technik zu begeistern.

Apropos Begeisterung: Neben IT interessieren Sie sich auch für Fußball. Ihr Tipp für den Weltmeister-Titel? Mein Kopf sagt Brasilien, mein Herz Deutschland.

entweder? oder?

Fisch oder Fleisch?
Beides.
Schokoriegel oder Salzstange?
Dunkle Schokolade.
Bier oder Brause?
Riesling.
Hip-Hop oder Heavy Metal?
Jazz.
Spanien oder Schweden?
Spanien.
Tatort oder Tagesschau?
Ich mache mein TV-Programm selbst.
Bus oder Bahn?
Auto.
up! oder Touareg?
Golf, das perfekte Auto.
Das Interview führten Lasse Osteneck und Dirk Schlinkert.


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