Werkleiter der ersten Stunde: Das Foto aus dem Jahr 1961 zeigt Dr. Rudolf Leiding vor der Halle 1 des Kasseler Volkswagen-Werkes.


Unter seinem Büro lag eine Bombe

Auszüge aus einem Gespräch mit dem kürzlich verstorbenen ersten Werkleiter Kassels, Dr. Rudolf Leiding

Am 3. September verstarb der erste Leiter des Kasseler Werkes, Dr. Rudolf Leiding. Aus Anlass seines Todes veröffentlichen wir Auszüge eines Gesprächs, das Dr. Dirk Schlinkert vom Unternehmensarchiv im vergangenen Jahr mit Dr. Leiding führte.

Welche Überlegungen führten in den 1950er-Jahren zu dem Entschluss, ein weiteres Zweigwerk zu gründen?
VW wuchs blühend, gut und gesund. Gott sei Dank! Überall wurde es zu eng. Die Produktionskapazität war nicht mehr ausreichend. So musste man nach außen gehen, um neuen Platz zu schaffen. In Kassel boten sich verschiedene Möglichkeiten für ein Zweigwerk an, auch in Richtung Waldeck. Schließlich kauften wir das Gelände der ehemaligen Henschel Motorenwerke. Allerdings hatten wir übersehen, dass wir eine Menge Land zu bewegen hatten. Wenn ich mich nicht irre, haben wir zwei Millionen Kubikmeter Masse bewegt. Das ging natürlich nicht mit Spaten und Schaufel, sondern wir setzten die modernsten Geräte ein. Außerdem musste das ganze Gelände systematisch abgesucht werden, weil wir wussten, dass viele Blindgänger auf dem Gelände lagen. Ein dicker Brummer befand sich genau unter meinem Büro. Den haben wir später bei Bauarbeiten entdeckt. Eine Fünf-Zentner-Bombe! Zum Glück bekamen wir sie heil heraus. Nichts ist passiert. Wir vergaßen den Schreck schnell.
Was führte zu der Entscheidung, die Aggregateaufbereitung als erste Abteilung nach Kassel zu verlegen?
In Wolfsburg waren alle Räumlichkeiten bis zum letzten genutzt. Die Aggregateaufbereitung befand sich in der Halle 15. Und diese Halle musste der Produktion zur Verfügung gestellt werden. Nun hatte die Firma Henschel ja in Altenbauna einige Hallen stehen, die groß genug waren, um die ganze Aggregateaufbereitung aufzunehmen. Und so begann der Umzug nach Kassel: Alles musste nun hin- und hergeschleppt werden. Und vor allem musste es sehr schnell gehen. Wenn wir also Freitagabend einen Zug in Wolfsburg abfertigten, dann traf der in der Nacht ein. Und Sonnabendfrüh zogen wir mit unseren tüchtigen Männern los, holten die Maschinen von den Zügen runter und setzten sie auf schon geplante Stellen in der Halle 1. Und Montagfrüh liefen sie wieder. Das war eine Verlagerung, ja wie soll ich sagen, so aus freiem Ritt. Es ging ja alles, alles in Eile. Wir hatten nicht sehr viel Zeit. Später musste die Getriebefertigung von Wolfsburg nach Kassel verlagert werden. Und die Getriebefertigung ist eine sehr diffizile, empfindsame Produktion. Aber es hat alles zum Glück gut geklappt.


Dr. Rudolf Leiding †

Wie erhielten Sie Ihren Auftrag?
Es war Nordhoff. Er fragte mich, ob ich mir das zutraue. Ich sagte: „Ja. Ich mache das.“ Dann kam ich nach Kassel, ohne Haus, ohne Bett, ohne Frau. Die Anfangsjahre waren sehr hart, und es musste schon hart gearbeitet werden. Professor Nordhoff schickte mich immer dahin, wo etwas angebrannt war. Man nannte mich damals schon die Feuerwehr von VW, ob das im Ausland war oder bei der Auto Union. Er ließ mich kommen und sagte: „Also, da ist wieder was los." Dann fragte ich: „Ja, was soll ich denn machen? Wann soll ich reisen?“ Nordhoff antwortete: „Sie können gleich morgen früh fahren.“ Ging alles sehr schnell. Und so habe ich hier und da versucht, zu retten, was zu retten war.
Wie war damals das Arbeitsklima im Werk in Kassel?
Wir waren eine große Familie. Als Werkleiter kann man dieses Verhältnis etwas beeinflussen, indem man auf Betriebsversammlungen das Richtige sagt. Es war ein guter Korpsgeist, das muss ich sagen. Und man kannte noch jeden. Es war eine schöne Zeit in Kassel. Das Verhältnis war fast verwandtschaftlich. Heute mag alles anders sein. Aber damals war man sehr froh, dass man einen festen Arbeitsplatz hatte und wusste das auch zu schätzen.


 
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